„SoftGene – wie die Evolution unsere Kultur hervorbringt.“

Hauptteil II: Geisteswissenschaftliche Randbemerkungen

Geisteswissenschaftliche Randbemerkungen

Wenn hier im weiteren immer mal wieder auf Human- Kultur- oder Geisteswissenschaften (ohne die Mathematik mit einzuschließen) verwiesen wird, so ist das natürlich viel zu pauschal. Viele Wissenschaftler dieser Fachrichtungen versuchen heute, Anschluss an die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse zu finden, die hier vorgestellte Theorie wird dort eher offene Türen einrennen.

Und, historisch weit zurückblickend, gab es wohl jahrtausendelang nur eine Wissenschaft, die Naturphilosophie. Aber irgendwann spätestens im 19. Jahrhundert, in der Epoche der Romantik, trennten sich Geistes- und Naturwissenschaften. Die Romantik beförderte eine Mystifizierung der Natur und Respiritualisierung des Denkens, eine sich weitende Distanz zur gefühlten kalten Naturwissenschaft. Wilhelm Dilthey (1833 – 1911) kann als einer der Begründer dieses Schismas gelten mit der Aussage: „Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er. Die Natur, der Gegenstand der Naturwissenschaft, umfasst die unabhängig vom Wirken des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend sein Gepräge aufgedrückt hat, bildet den Gegenstand der Geisteswissenschaften.“[1] Wilhelm Dilthey war der Ansicht, wir könnten die Natur zwar erklären, aber das Seelenleben würden wir verstehen. Und auch der Dichter Novalis formulierte so ähnlich, der Poet verstehe die Natur besser wie der wissenschaftliche Kopf. Hier noch einige weitere Spotlights: Karl Marx moniert: „Die Naturwissenschaften haben eine enorme Tätigkeit entwickelt und sich ein stets wachsendes Material angeeignet. Die Philosophie ist ihnen indessen ebenso fremd geblieben, wie sie der Philosophie fremd blieben.“[2]

Charles Percy Snow stellte in einem erstmals 1956 publizierten Aufsatz die These von den zwei Kulturen auf, auf der einen Seite stünden die Geisteswissenschaft und Literatur, auf der anderen Seite die Naturwissenschaft und die Technik: „Man bewegt sich innerhalb einer großen Stadt, von einem Quartier, in dem Intellektuelle verkehren, zu einem Quartier, das von Naturwissenschaftlern bevölkert ist, und es ist so, als habe man den Ozean überquert und als spreche die Bevölkerung auf der anderen Seite Tibetisch.“[3] Und noch 2007 bemerkt der Philosoph Richard David Precht über die Distanz zwischen Medizinern, die sich dem menschlichen Bewusstsein über aufschlussreichste Versuche mit hirngeschädigten Patienten annähern und den Philosophen, die dasselbe über die Theorien von Kant und Hegel versuchen: „Achthundert Meter Raum in einer Universität sind sehr viel. Denn die Professoren leben auf völlig verschiedenen Planeten und kannten nicht einmal den Namen ihrer Kollegen.“[4]

Randall Collins ist Lehrstuhlinhaber an der Universität in Pennsylvania und war von 2010 bis 2011 Präsident der American Sociological Association. Er selbst sei eher kein Anhänger der evolutionären Begrifflichkeit[5] und er behauptet: „Unter Intellektuellen wird die Evolutionstheorie heute größtenteils verworfen: einerseits wegen ihrer Gleichgültigkeit gegenüber kulturellen und interaktiven Modellen, anderseits wegen der traditionellen Gegnerschaft zwischen interpretatorischen und positivistischen Herangehensweisen, das heißt, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften.“[6]

Demgegenüber adressiert Robert Maurice Sapolsky, Professor der Biologie, Neurowissenschaft und Neurochirurgie an der Stanford University, USA, seine Aussage explizit an bestimmte Gruppen von „Sozialwissenschaftlern, die die Biologie für irrrelevant und ideologisch verdächtig halten, wenn es um Fragen des menschlichen Sozialverhaltens geht, [wenn er sagt:] Verhaltensweisen wie Aggression, Konkurrenz, Kooperation oder Empathie lassen sich nicht ohne die Biologie verstehen.“[7]

Insbesondere die Selektion ist zwangsläufig Thema der Sozialwissenschaften. Die Selektion, ein zentraler Bestandteil der Evolutionstheorie, beruht u.a. auf dem Wettbewerb innerhalb derselben Art um begrenzte Ressourcen und bestimmt damit auch die Konkurrenz und die Kooperation zwischen Menschen. Nicht nur körperliche Eigenschaften sind Gegenstand der natürlichen Auslese sondern auch Verhaltensweisen wie das Streben nach Glück und die Vermeidung von Schmerzen oder das Auslebung der Sexualität. Es ist zu bezweifeln, ob wir valide soziologische Schlüsse ziehen können, ohne die dahinter liegende biologische conditio humana des Menschen zu verstehen. Darüber hinaus ergeben sich durch das Zusammendenken von Natur – und Kulturwissenschaften eine Fülle von Synergien.

[1] Dilthey 1910 S. 53

[2] Marx & Engels 1848, S. 543

[3] Stichweh 2006

[4] Precht 2007, S. 12

[5] vgl. Collins 2011, S. 50 f.

[6] Collins 2011, S. 45

[7] Sapolsky 2017, S. 13

Biologistisch

Spätestens seit den 1968er Jahren ist insbesondere eine „biologistische“ Herangehensweise unter vielen Geisteswissenschaftlern verpönt, nicht zuletzt deswegen, weil man der Evolutionstheorie eine gehörige Mitschuld an der Entstehung des Rassenwahns im Nationalsozialismus zuwies. Wissenschaftsgeschichtlich ist diese Schuldzuweisung nicht so eindeutig, da es kein Naturforscher wie Charles Darwin, sondern der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer war, der 1864 das berüchtigte Motto „Survival of the fittest“ für die Evolution prägte. Dabei wurde „in der Rezeption von Darwins Werk […] das Schlagwort vom „Survival of the fittest“ immer wieder als Überleben des Stärkeren oder des Tüchtigeren missgedeutet.“[1] Darwin hingegen sah die Evolution wesentlich entspannter. Für ihn ging es eben nicht um Konkurrenz durch Stärke oder Tüchtigkeit, sondern um die bessere Anpassung an die jeweiligen Lebensbedingungen. Und die lässt sich auch ganz anders erreichen – z.B., indem man sich einem Schwarm anschließt, um besser gegen Fressfeinde geschützt zu sein. Spätestens seit den 1940er Jahren wunderten sich die Biologen darüber, dass sie entgegen der Vermutung der allgegenwärtigen Rivalität „fast überall kooperierende Individuen beobachteten.“[2] Schließlich waren es auch keine Biologen, sondern der Leipziger Straf- und Staatsrechtler Karl Binding, und der Freiburger Psychiater Alfred Hoche, die 1920 die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens forderten.

Wie immer man die Vereinnahmung der Evolutionstheorie durch Diktatoren auch bewertet und den Naturwissenschaften insgesamt Schuld am Unglück der Menschheit zuweist, so ist nicht zu leugnen, dass die Naturwissenschaften uns unsere moderne Zivilisation erst ermöglichten. Man kann die Evolutionstheorie für den Rassenwahn des 20ten Jahrhunderts haftbar machen, so wie man auch die Relativitätstheorie von Albert Einstein verfluchen kann, weil sie den theoretischen Überbau für den Bau der Atombombe lieferte. Aber, so wie die Relativitätstheorie zur Grundlage der moderne Physik wurde, ohne die es z.B. keine Navigationssysteme gäbe, so öffnete die Evolutionstheorie erst das Tor zur modernen Biologie bis hin zur Genforschung. Gebrauch schließt möglichen Missbrauch nie aus.

[1] Bartens 2010

[2] Tautz 2021, S. 15

Hunger

Ein erstes Beispiel dafür, wie zwangsläufig der Zusammenhang von Körper und Geist, von Natur und Kultur ist, zeigt das Thema „Nahrung“. Unser Leben wäre schnell vorbei, wenn wir nicht Nahrung in ausreichender Menge und hinreichender Qualität zu uns nehmen würden. Das Hungergefühl übertrumpft dabei nur allzu oft jede rationale Einsicht, Chips und Cola zu lassen – die Couch vor dem Fernseher ist kein Ort, wo der Geist im Sinne einer gesunden Ernährung über den Körper auch nur ansatzweise triumphieren würde.

Die Ernährung steuert eine breite Palette von Verhaltensweisen im Tierreich und bei uns Menschen. Nahrungsmangel ist eine grundlegende Bedrohung unserer eigenen Körperlichkeit und gleichzeitig, bei mehr als 700 Mio. Hungernden auf dieser Welt, von enormer wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Hunger prägte und prägt den Lauf der menschlichen Geschichte und durchdringt einen Großteil unserer Kultur. Er förderte die Entwicklung der Landwirtschaft und fegte bei Missernten ganze Landstriche leer. Es war die Manipulation der Getreideversorgung, „welche während der gesamten Geschichte Roms den oberen Schichten (und später  den Kaisern) ihre wirksamste Waffe zur politischen Beeinflussung gab.“[1] 

Heute füllt er die Regale der Buchläden mit Kochbüchern und flutet die Fernsehkanäle mit Kochsendungen. Es ist notwendig, die Dinge auf diese Art ganzheitlich zu denken: Denn erst, wenn wir den Menschen als ein Lebewesen verstehen, der sich in seiner Umwelt ernährt, so die französische Philosophin Corine Pelluchon, können wir zum Beispiel Ökologie neu denken.[2]

[1] Whittaker 1991, S. 321

[2] vgl. Pelluchon 2020

 

Natur und Geschichte

„Die Geschichtswissenschaft ist eine Kultur- bzw. Geisteswissenschaft, die sich mit der Geschichte von Menschen und menschlichen Gemeinschaften beschäftigt.“[1] Die Grundlagen dieser Wissenschaft bilden historische Quellen, insbesondere schriftliche Zeugnisse. Die Geschichtswissenschaft steht dabei in enger Nachbarschaft zur Archäologie, die aber hauptsächlich nicht-schriftliche Quellen auswertet, und zu der Politikwissenschaft. Und „wegen der besonderen Bedeutung von Texten und Hermeneutik für die historische Forschung gibt es daneben auch Berührungspunkte mit der Literaturwissenschaft.“[2]

Was aber, wenn die menschlichen Geschicke von ganz anderen Faktoren abhängen, die nur schwer oder gar nicht aus historischen Berichten herauszuarbeiten sind? Mehr und mehr wird heute klar, dass u.a. Dürreperioden, Vulkanausbrüche und Seuchen und selbst Genveränderungen des Menschen, wie die erworbene Laktose-Verträglichkeit im Zuge der Viehwirtschaft, die Weltgeschicke maßgeblich geprägt haben. Die Geschichte unseres Planeten zeigt, dass es in historischer Zeit weltumspannende naturbedingte Katastrophen gab. Diskutiert wird u.a. ein Ereignis um das Jahr 536 n. Chr., über dessen (mögliche) Folgen der Historiker Prokopios in Byzanz berichtete: „Die Sonne leuchtete das ganze Jahr schwach wie der Mond.“ Bewohner Roms schilderten, dass ein Jahr lang „eine bläuliche Sonne selbst mittags keinen Schatten warf.“ [3] Ähnliches wurde aus anderen Erdteilen berichtet. Die Auswirkungen auf den Lauf der Geschichte waren weltweit gravierend: Um diese Zeit verschwanden u.a. Hochkulturen in Indonesien, Persien und Südamerika.

Nicht nur Verheerungen, ausgelöst durch Himmelskörper, Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Klimawandel spielen eine maßgebliche Rolle in der Geschichte der Menschheit. Denn den dadurch ausgelösten Wanderungsbewegungen unserer Altvordern in Europa folgten auch immer schon ein Strom von Viren und Bakterien. Tödliche Pandemien „prägten die Geschichte des Kontinents , und das vielleicht stärker, als es irgendein Herrscher je vermocht hätte.“[4] So gilt z.B. die Justinianische Pest im 6. Jahrhundert als eine mögliche Ursache dafür, dass das Weströmische Reich dauerhaft unterging. Die Archäogenetik konnte mittlerweile nachweisen, dass die zwei großen Themen: „Tödliche Pandemien“ und „ständige Migrationsbewegungen“, eine Art Konstanten in der menschlichen Geschichte waren[5] und sie sind es bis heute.

Krisen wirken in alle Lebensbereiche hinein, auf die Wirtschaft, auf die Gesundheit, auf die Bildung – und haben fast immer eine materielle Grundlage. Eine ähnliche Katastrophe wie die von 536 n. Chr. in heutigen Tagen würde die Welt in unabsehbare Turbulenzen stürzen. Aus diesem Grund müssen wir aus diesen historischen Ereignissen lernen! Die eingehende fächerübergreifende Beschäftigung mit dieser Art von Katastrophen kann uns u.a. Rückschlüssen darüber liefern, welche Gefahren die durch die Treibhausgase verursachten Klimaänderungen heraufbeschwören werden. In einem Spiegel-Interview weist der Historiker John F. Haldon aus der Sicht seines Faches darauf hin, dass Umweltfaktoren allein niemals soziale Veränderungen erklären können.[6] Aber das gilt ganz sicher auch umgekehrt und führt bis in die Politik: „Politiker haben oft die Komplexität früherer Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Umwelt verkannt.“ Wie wenig die Welt auf globale Katastrophen vorbereitet ist, zeigte uns die SARS-CoV-19-Pandemie. Aus diesen Gründen wird es Zeit, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften enger zusammen zu denken.

[1] de.wikipedia.org/wiki/Geschichtswissenschaft

[2] de.wikipedia.org/wiki/Geschichtswissenschaft

[3] Bojanowski 2010

[4] Krause 2021, S. 171 f.

[5] vgl. Krause 2021, S. 8

[6] Saltzwedel 2019

Körper und Seele

Kultur und Natur werden auch deshalb nur wenig als Einheit zusammen gedacht, weil wir Menschen uns für etwas ganz besonderes halten: „Menschen sind von Schimpansen genetisch gesehen keine zwei Prozent entfernt. Aber manche denken, sie wären zu hundert Prozent anders!“[1] Für viele Humanwissenschaftler markiert auch heute noch der menschliche Geist die Trennlinie zum Tier, die Wasserscheide, die hüben die Bäche der menschlichen Natur von den drüben fließenden Flüsse der menschlichen Kultur trennt. Früher schrieb man des Menschen privilegierte Position dem Plan Gottes zu. Insbesondere der Kirchenlehrer Thomas von Aquin machte die Grenze zwischen Mensch und Natur zum festen Bestandteil des christlichen Dogmas, wobei es die Seele sei, die den Menschen vom Rest der Tierwelt abhebe und ihn zur Krönung der göttlichen Schöpfung mache. Als die Philosophen Gott ausrangierten oder für tot erklärten, versäumten sie vielfach, dem Menschen seine herausgehobene Position zu nehmen. Die Seele wurde ganz allgemein zum menschlichen Geist. Das menschliche Leben gilt ihnen häufig nicht als natürliches Phänomen, das sich empirisch-wissenschaftlich untersuchen und kausalanalytisch beschreiben lässt, sondern als eigene Substanz im philosophischen Sinne. Die Kultur des Menschen sei deshalb besonders, weil der Mensch etwas Besonderes sei.

Insbesondere ging und geht es dabei u.a. um das sogenannte „Körper-Geist-Problem“, wie sich also unser Geist mit der realen Welt verbindet. „Ich möchte ans Meer fahren und baden gehen.“ Für diesen Wunsch setze ich mich in das Auto und fahre an die Küste. Aber – wie kann eine immaterielle Erscheinung wie das bewusste „Wünschen“ Ursache für die Bewegung eines Körpers, also eines physikalischen Vorgangs werden? Schottischer ausgedrückt: Wie gelingt es dem Schlossgespenst, eine schwere Eichentür so enervierend quietschend zu bewegen, obwohl es doch nur ein „Geist“ ist?

Wahrscheinlich ist aber schon die Frage zu spät gestellt, denn das Körper-Geist-Problem tritt prinzipiell seit dem Urknall auf: Warum gibt es neben der Materie auch noch immaterielle Gesetze, nach denen sich die Materie zu richten hat? Warum gibt es nicht nur Materie und Chaos, sondern auch Informationen darüber, was die Materie im Universum treibt? Warum verhält sie sich vorhersehbar und verlässlich, einer inhärenten physikalischen Logik folgend? Ich nenne es hier mal das „Körper-Geist-Problem des Universums“. Und wenn man sich zu diesem Problem Fragen stellen will, dann ist die sicherlich spannendsten Fragen: Warum sind die Naturkonstanten und die physikalischen Gesetze so haargenau passend ausgelegt, dass sich Sonnen, Galaxien, und Planeten entwickeln konnten? Und dass schließlich – 13,7 Mrd. Jahre später – auf einem unbedeutenden Planeten einer unbedeutenden Galaxis intelligentes Leben entstand, dass über diese Frage nachzudenken begann? Diese Fragestellung ist unter dem Begriff „Anthropisches Prinzip“ bekannt[2] und soll hier nicht weiter verfolgt werden. Aber ab ca. 10-43 Sekunden nach dem Urknall[3] kennen wir die Lösung des Problems, schöner als Einstein es in seiner Formel e = mc² beschreibt, kann es nicht ausgedrückt werden: Energie (e) lässt sich in Materie (m) umrechnen, wobei das Quadrat der Lichtgeschwindigkeit (c) als Umrechnungsfaktor in die Gleichung mit eingeht. Es gibt eine Äquivalenz von Energie und Materie, Energie kann materialisieren und Materie in Energie umgewandelt werden. Und weil Energie eine andere Form der Materie ist, kann sie Materie beeinflussen. Diese geisterhafte Wirkung können wir heute an vielen automatischen Türen beobachten: Wir nähern uns ihr und sie öffnet sich für uns. Zweifellos spooky, aber es würde in diesem Zusammenhang heute niemand mehr von einem Schlossgeist sprechen. Und jeder Roboter kann heute gezielte Bewegungen ausführen, auf der Grundlage von etwas, das so ähnlich wie unser Gehirn funktioniert.

Kaum jemand bezweifelt heute noch zumindest für das Tierreich, „dass es keinen prinzipiellen Unterschied zwischen genetischen Steuerungen der Gestalt [eines Lebewesens] und der genetischen Steuerung des Verhaltens gibt.“[4] Und selbst wenn wir annehmen, dass es im Menschen etwas Transzendentes wie eine Seele gäbe, so fänden wir mindestens im Tierreich, dass ein Gehirn mit Hilfe chemischer und energetischer Wechselwirkungen einen Körper absichtsvoll steuern kann, und so kann unsere Hauskatze im Zweifelsfall ebenfalls eine Tür öffnen.

Gäbe es darüber hinaus im Menschen etwas „Übernatürliches“, müsste zumindest die Frage geklärt werden, ab welchem Entwicklungsstadium der „Geist“ in den Menschen fuhr und er das Stadium der Metaphysik erreichte. Denn selbst hartgesottene Philosophen werden bei einem Fadenwurm wohl noch nicht über seine Transzendenz spekulieren wollen. Es ergäbe sich ein schönes Paradoxon à la Zenon von Elea: Ab wann könnten wir dann noch nicht von einer „Seele“ im Tier reden und ab welcher kleinen Weiterentwicklung hin zum Menschen taucht sie plötzlich auf? Das Ganze ist leider keine rein akademische Frage, wenn wir uns diese Frage etwas anders stellen: Denn wenn wirklich ein Geist in den Menschen führe, bliebe nicht nur zu klären, ob nicht auch schon ein Schimpanse eine Seele haben könnte, sondern auch, ab wann das Menschenembryo bereit dazu wäre: Wäre ein Geist oder eine Seele fähig, bereits in einer befruchteten Eizelle zu hausen, wie ein Dogma der katholischen Kirche es vermutet?

Philosophen reden natürlich heute nicht mehr über die Seele, an ihre Stelle ist das Bewusstsein als metaphysischer Bestandteil des Menschen getreten. Der menschliche Geist oder das Bewusstsein ist vermutlich eine emergente Erscheinung eines hinreichend großen Gehirns. Aber auch wenn die Wissenschaftler noch rätseln, was Bewusstsein genau ist und wie es entsteht, so herrscht zumindest bei Neurowissenschaftlern die Meinung vor: „Bewusstsein ist heute ein völlig etablierter Gegenstand empirischer Forschung. Es gibt gar keine Zweifel mehr daran, dass man es neurowissenschaftlich untersuchen und zumindest ansatzweise verstehen kann.“[5]

[1] Blech 2002

[2] z.B. Manzel 2002, S. 53 ff.

[3] Weinberg 1994, S. 154

[4] Dawkins 2018, S. 213

[5] Interviewaussage von Melanie Wilke in: Ayan 2022

© Peter-Paul Manzel