„SoftGene – wie die Evolution unsere Kultur hervorbringt.“

Hauptteil IV: Der Mensch als Tier

Der Mensch als Tier

Wenn also Kultur nicht wirklich dazu taugt, den Menschen als Alien zu charakterisieren, der mit den übrigen Bewohnern dieses Planeten wenige Gemeinsamkeiten teilt, so können wir wenigstens zum Trost feststellen: wir sind die klügsten Affen auf der Welt. Wir haben mehr Grips und offenbar auch mehr Kultur. Wenn aber mehr Kultur einfach nur daraus folgt, dass wir mehr Gehirn haben, sollten wir uns dieses Organ und seine Funktion einmal näher ansehen.

Aufgrund der erdrückenden Beweise, die vor allem auch die Neurologen und die Soziobiologen vorlegen, müssen wir anerkennen, dass unser Gehirn in ähnlicher Art von der Evolution ausgestaltet wurde, wie unser übriger Körper. Für einen größeren Teil unserer neuronalen Prozesse muss das sowieso gelten, weil die Steuerung der Körperfunktionen und des Bewegungsapparates in Koevolution mit dem Körper und seinen Funktionen entwickelt wurden. Zum Beispiel können wir uns nicht dadurch umbringen, dass wir beschließen, nicht mehr zu atmen. Aber auch das übrige Gehirn wurde durch die natürliche Selektion auf die Lösungen von Problemen hin optimiert, die für das Überleben unserer Vorfahren und deren Fortpflanzung unerlässlich waren.

Selbst der dem Menschen zugeeignete freie Wille wird von den Hirnforschern immer weiter eingeschränkt, je klarer es wird, wie weitreichend unsere Hirnaktivitäten vorhersagbar sind und wie fundamental biologische Vorgängen unser Verhalten beeinflussen. Die volle Autonomie der menschlichen Ratio ist eine Illusion, unsere praktische Vernunft ist abhängig von Gefühlen und Bewertungen, deren Ursprünge uns oft vorbewusst bleiben.[1] Wir urteilen oft schon a priori, also ohne dass unsere eigenen Erfahrungen dabei mit einfließen müssen. Wir meiden bittere Stoffe oder lieben Honig, ohne dass wir wirklich wissen, warum.

Unser Gehirn ist ein typisches Primatengehirn, und allgemeiner, ein typisches Säuge- und Wirbeltiergehirn. „Einen qualitativen Unterschied gibt es da nicht.“[2] Es gibt bis auf ein bestimmtes Areal im Gehirn, dem Broca-Sprachzentrum, keine prinzipiellen baulichen Unterschiede zwischen unserem Gehirn und dem der uns nahestehenden Primaten. Und selbst das Wernicke-Areal im Gehirn, dass für die innerartliche Kommunikation zuständig ist, hat seine Entsprechung bei Säugetieren und befähigt z.B. Menschenaffen, „mit Menschen und auch untereinander in einer Sprache [zu] kommunizieren, die derjenigen des Kleinkindes entspricht.“[3]

Je komplexer die Anwendung ist – das können wir aus der Informatik lernen – desto weniger kann man von einem Programm sprechen und desto mehr hat man es mit einem Software-System zu tun, das aus einer Vielzahl von hierarchisch geordneten Programmen besteht. Komplex heißt dabei so viel wie vielschichtig, viele verschiedene Dinge umfassend. Nach ganz ähnlichen Prinzipien, wie die Informatiker heute ihre Software programmieren, hatte bereits zuvor die Evolution unser Gehirn programmiert. Dabei ähnelt das EVA-Prinzip der Informatik: „Eingabe-Verarbeitung-Ausgabe“ den vernetzten Grundfähigkeiten des Menschen: „sensorische Wahrnehmung“, „emotionales Bewerten“, „Handlungssteuerung“, also wahrnehmen, bewerten, handeln.

Unser Verstand besteht aus einer Sammlung einzelner, hochspezialisierter Module, individuell von der Evolution programmiert, um jeweils spezielle Probleme zu lösen: Systeme zur Bewegungssteuerung, Datenbanken über Menschen und Dinge, Zeitplaner oder Konfliktlöser. Als Prinzip bei fast allen Sinnesverarbeitungen gilt, dass diese Module hierarchisch verschaltet sind: Zunächst werden die Sinneseindrücke nach einfachen Kriterien in verschiedene Verarbeitungskanäle aufgespalten – etwa nach Farbe, Kanten, Bewegung oder Orientierung. Diese Informationen werden an immer komplexere Verarbeitungszentren weitergeleitet, an deren Ende Neuronen stehen, die für das Erkennen ganzer Gesichter oder bekannter Orte zuständig sind.

Allein unser Sehsystem umfasst Duzende von Gehirnbereichen, es gibt Teilsysteme dafür, Gegenstände zu drehen, bis sie bekannten Figuren ähneln, Bewegungen zu identifizieren oder Farbabgleiche zu machen, letzteres je nachdem, ob etwas in einem dunklen Raum oder aber in der gleißenden Sonne liegt. Manche Menschen können Gegenstände erkennen, aber keine Gesichter, weil ihnen der dafür zuständige Bereich im Gehirn durch einen Schlaganfall beschädigt wurde. Die Hierarchie macht es in Wirklichkeit noch dramatischer, und das macht den menschlichen Geist so schwer durchschaubar: „Das Gehirn ist ein Organ, das nicht nur einfach in mehrere Bestandteile zerfällt, sondern in widerstreitende Teile.“[4]

Das menschliche Gehirn ist bedeutend voluminöser als das seiner nächsten Verwandten und vielleicht deshalb benötigt es eine sehr viel längere Zeit der Reife nach der Geburt, als wir es im Tierreich vorfinden. Und – es kommt während der Pubertät des Menschen noch einmal, genetisch gesteuert, zu einer dramatischen Umgestaltung des Gehirns. Aber lediglich der Besitz einer ausgefeilten Sprache und die Fähigkeiten in der Feinmotorik z.B. beim Klavierspielen – beides scheint eng miteinander verbunden zu sein – unterscheiden uns deutlich von den Tieren. Es liegt also nahe, zu vermuten, dass es auch keinen qualitativen Sprung in unserem Verhalten im Vergleich zu unseren näheren Verwandten im Tierreich gibt. Insbesondere bei der Partnerwahl, in der Sexualität, bezüglich des Dominanzverhaltens und in der Konfliktbewältigung verhalten wir uns mehr oder weniger wie eine Großaffen-Art oder weichen von ihnen ab, so wie die Großaffen-Arten untereinander in ihrem Verhalten verschieden sind.

[1] vgl. hierzu und im Folgenden auch z.B. Roth 2001

[2] Interviewaussage von G. Roth in: Piegsa 2014.

[3] Roth 2008, S. 94

[4] Pfaff 2007

Gefühlte Ratio

Unser Gefühlshaushalt aus Ärger, Angst, Spannung, Vertrauen, Überraschung, Trauer, Freude oder Ekel ist die Quintessenz unserer gesamten stammesgeschichtlichen Entwicklung, in unsere Gefühle sind die Erfolge und Misserfolge aller Generationen vor uns als Werturteile eingeflossen. Sie reflektieren die Erfahrungen, die unsere Vorfahren seit den Anfängen des Lebens auf der Erde gemacht haben und wurden tief in die Gesamtheit der Gene, in unserem „Genom“, verankert. Aus diesem Grund weiß schon ein Baby, dass süße Sachen wahrscheinlich gut für das Überleben sind, weil sie Kalorien liefern, bittere Sachen aber wahrscheinlich eher Bauchgrimmen verursachen, sich also nicht so gut als Lebensmittel eignen.

Unsere Ratio ist verbal, wir können Ideen und Argumente versprachlichen und diskutieren. Gefühle sind nonverbal, wir haben sie, aber wir wissen nicht unbedingt warum und sie lassen sich nur schwer in Worte fassen. Unsere Areale für die Sprache sind entwicklungsgeschichtlich ausgesprochen jung, unser auf Gefühlen beruhendes Bewertungssystem im Gehirn ist uralt. Gefühle sind Universalien nicht nur der menschlichen Spezies, wir beobachten sie auch bei Tieren. Sogar solche komplexen Gefühle wie Eifersucht teilen wir mindestens mit unserem besten Freund, dem Hund.[1] Mensch wie Tier dienen denselben beiden Herren Lust und Leid. Jedes Tier muss seine Erlebnisse bewerten können, andernfalls könnte es nicht aus Erfahrung lernen. Tieren fehlt die intellektuelle Tiefe, um über das Für und Wider einer Situation zu reflektieren. Sie erinnern mit den Fakten zusammen, ob ihnen eine Situation Lust- oder Unlustgefühle vermittelt hat, und versuchen, ähnliche Situationen wieder herbeizuführen oder sie zu vermeiden. Dass wir das, was uns glücklich macht, nicht einfach frei wählen können, lehren uns z.B. die Pinguine: Jeder Kaiserpinguin würde es für eine höchst verwunderliche Vorstellung halten, wenn jemand das Herumstehen im eisigen Wind und wochenlanges Fasten für eine Zumutung der Natur hielte. Vielmehr gibt es für einen Pinguin kaum etwas Befriedigenderes, als ein Ei in einer Bauchfalte auf den Füßen zu balancieren. Er tut dieses in der freudigen Erwartung auf ein Federbällchen, das diesem Ei bei richtiger Fürsorge entsteigen wird. Was sind dagegen schon -50°C, 60 Tage Fasten und Nachbarn, die einem ständig auf die Nerven gehen, weil sie zu dicht heranrücken? So ganz anders ist das auch bei uns Menschen nicht. Wenn das Baby die ganze Nacht durchgeschrien hat, obwohl ich schon zwei Mal die Windeln gewechselt habe und wenn es beim morgendlichen Frühstücksbrei den Spinat gegen die Tapete gepustet hat, fragt ich mich doch schon einmal: „Warum mache ich das eigentlich?“ Die einfache Antwort ist das Lächeln des Babys, das mich alle Mühen der Nacht vergessen lässt und mein Gehirn mit Glückshormonen flutet. Zuwiderhandlungen gegen das Interesse unserer Gene, Verbreitung zu finden, lösen dagegen mehr oder weniger starke Unlustgefühle aus.

Schopenhauer hatte schon richtig beobachtet: „Der Mensch kann wohl tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Wonach wir streben, wird im Wesentlichen dadurch bestimmt, was ein belohnendes Gefühl in uns auslöst oder in Aussicht stellt. Erfahrungen, die wir wiedererleben möchten, sogar wenn sie in Form von geistigen Genüssen aus der Kunst oder der Musik auftreten, sind an einen Gefühlszustand gebunden, den wir als befriedigend, positiv erregend oder als lustvoll empfinden.[2] Umgekehrt vermeiden wir alles, was unangenehme Folgen nach sich zieht, oder ziehen könnte.

Wir lernen bereits im Mutterleib, welche Auswirkungen verschiedene Handlungen haben. Dieses Lernen setzt sich nach der Geburt bruchlos fort. Alles, was wir als Säugling erleben, wird in unserem Gehirn bewertet. Bis zur Entwicklung unseres sprachlich verfassten bewussten Ichs um das vierte Lebensjahr herum ist das emotionale Erfahrungsgedächtnis die alleinige Instanz unserer Entscheidungsfindung. Auch später noch steuert das emotionale Erfahrungsgedächtnis unser Verhalten stärker, als unser bewusstes Ich. Es drängt uns zu Entscheidungen durch Zu- oder Abneigung, Stimmungen, Antriebe, Wünsche, Motive und Pläne, die sich nur diffus und sprachlich wenig fassbar äußern.

Gefühle sind ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Verstandes und nicht etwa sein Gegenteil. Aus der Sicht der Neurobiologie bedingen die emotionalen, oft unbewussten Zustände weitgehend die kognitiven Zustände im Gehirn und nicht umgekehrt. „Das ist schon bei jedem Wahrnehmungsakt so, denn Emotionen beeinflussen erheblich, was wir in unserer Umwelt erfassen.“[3] Und Emotionen filtern auch Art und Genauigkeit dessen was wir erinnern.

Gefühle werden nicht erlernt, sondern nur angepasst. Kleine Kinder empfinden noch keine Schuldgefühle, weil „Schuld empfinden“ eine komplexe Emotion ist, die sowohl auf Lebenserfahrung, wie auch auf Rechenprozessen unseres Gehirns beruht. Mit dem Älterwerden lernen wir, dass ein ganz bestimmtes unangenehmes Gefühl zu folgender Situation gehört: Ich habe etwas getan, jemand anders leidet darunter, das wollte ich nicht. Wer sich das klarmache, für den sei auch klar, wie absurd es ist, Emotion und Kognition trennen zu wollen.“[4]

Die Funktionen, die die Emotionen für ein Lebewesen erfüllen, basieren auf der Logik der Evolution. Aus diesem Grunde lassen sie sich auch in eine KI implantieren. Denn selbst Maschinen bräuchten Gefühle, um flexible, nach unserem Verständnis vernünftige Entscheidungen treffen zu können. Joost Broekens, Professor für Affective Computing an der Technischen Universität Delft, bringt es auf diese Formel: „Warum bist du glücklich? Weil etwas geschehen ist, das gut ist für deine aktuelle Situation. Die aktuelle Situation hat also an Wert gewonnen im Vergleich zur vorherigen: Das kann man programmieren.“[5] Die Figur Data aus der SF-Serie Star Trek, die als Android mehr und mehr Gefühle in sich entdeckt, ist also weniger Utopie als gedacht, sondern eher eine zwangsläufige Entwicklung in der Robotik.

[1] Harris & Prouvost 2014

[2] vgl. Roth 2001, S. 297

[3] vgl. Roth & Strüber 2014, S. 367

[4] Wolfangel 2018

[5] Wolfangel 2018

Entscheidungsfindung

Dagegen wäre eine Lebensform, wie die Vulkanier aus der SF-Serie Star Trek, kaum überlebensfähig – Spock würde schon an der Frage scheitern, ob er lieber Tee oder Kaffee trinken möchte. Denn dabei kommt es auf Vorlieben an, auf Gefühle. Ob ein Apfel besser als eine Birne schmeckt, lässt sich rational nicht beantworten. In Bezug auf unsere Lebens- und Überlebensprobleme ist das emotionale Erfahrungsgedächtnis häufig realistischer in seinen Einschätzungen als unsere Ratio. Patienten, deren Gefühlsempfindungen nach einem Unfall gestört sind, können ihre Entscheidungen nur noch nach einfachen, unflexiblen „Wenn-dann“-Mustern treffen. Denn viele Entscheidungen müssen wir aus dem „hohlen Bauch“, aus unseren Gefühlen heraus treffen, weil es gar keine andere Grundlage der Entscheidungsfindung gibt. Stellen Sie sich vor, sie wollen mit Ihrer Familie für Jahre ins Ausland, sagen wir nach Mexiko ziehen. In Ihren Überlegungen treten allmählich folgende Argumente zu Tage: Bessere Bezahlung, aufregende neue Kultur, Horizonterweiterung. Aber auch: Die Großeltern sind schon sehr alt und werden die Enkel vermissen, Sie selbst lassen gute Freunde zurück, Sie reißen sich und die Kinder aus ihrem Beziehungsgeflecht. Diese Gründe sind für andere Menschen tatsächlich nahvollziehbar, weil uns dieselben Gefühle angeboren sind: Der Wunsch nach materiellen Gütern, unser Explorationstrieb, Lust am Lernen. Aber eben auch Empathie gegenüber den Großeltern, Verbundenheit mit Freunden, Empathie gegenüber den Kindern in Bezug auf den Verlust an freundschaftlicher Bindung. Diese Gründe sind nicht „rational“ bewertbar, sondern tief in unserem Gefühlshaushalt verwurzelt. Es lässt sich daraus keinerlei rationale Bewertung ableiten: Wir wägen bessere Bezahlung gegen Verlust an Bindung und finden das, was wir gemeinhin als Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen kennen. Wiegt eine Horizonterweiterung das Leid von Kindern auf, die ihre Freunde verlieren? Wieder wackelt die Waage unwillig hin und her, einen rationalen Wert aber kann sie nicht anzeigen. Irgendwann werden wir vielleicht zu dem Schluss kommen, das Gefühl, es wagen zu wollen, überwiegt. Und es ist noch komplizierter: Die sogenannten „Big Five“, wie sie die Psychologen nennen, also die Persönlichkeitsmerkmale Neugierde, Gewissenhaftigkeit, Offenheit, Selbstbewusstsein und Verträglichkeit sind, wie die Intelligenz, zu nicht unerheblichen Anteilen genetisch angelegt. Auch auf diesen Charaktereigenschaften bauen unsere Vorlieben und Gefühle auf. Wagemut, die unsere Entscheidung, nach Mexiko zu ziehen, mit beeinflusst, gehört zu diesen Charaktereigenschaften und sie ist damit genetisch beeinflusst.

Unsere Ratio ist uns beim Urteilen nur wenig hilfreich, weil wir letztlich alle Urteile auf der Grundlage der gefühlsmäßigen Bewertung fällen müssen. Und diese Gefühle basieren auf ererbten Maßstäben, die uns helfen, den Auftrag der Evolution zu erfüllen: Zu überleben, einen Lebenspartner zu finden, Nachwuchs zu zeugen und diesen zu unterstützen. Die Gefühle, die uns am stärksten antreiben, haben auch die größte Macht über unsere Gedanken, und das ist spätestens nach der Pubertät: Sex. Denn Sex und Liebe sind die stärksten Triebfedern zur Verbreitung unserer Gene.